Für die Juil/August-Ausgabe der Zeitschrift Melodie & Rhythmus fragte die Redaktion an, ob ich nicht Lust hätte die These: „Crowdfunding leistet musikalischer Eindimensionalität Vorschub“ zu vertreten. Dazu würde es dann auch eine Antwort der Gegenseite geben. Das ganze lancierte dann unter der Überschrift: Subskription 2.0. Crowdfunding: Ermächtigung des Künstlers oder Konfiguration am „Durchschnittsgeschmack“?
PRO – Bequemes Selektionsinstrument
Die traditionellen Kulturfinanzierungsmethoden brechen zusehends weg und sind nicht mehr sicher (Förderung durch die öffentliche Hand) oder sie sind mit einem gewissen Maß von Willkür verknüpft (Sponsoring, Mäzenatentum, Stiftung). Als aktucooler Rettungsring soll Crowdfunding die Finanzierungslücken stopfen und Newcomern Flügel verleihen. Das läuft über spezielle Internetplattformen wie „Startnext“ oder „Kickstarter“. Doch so wertfrei und bürgerschaftlich verankert wie es klingt, ist die Sache keinesfalls. Mit dem hübschen Community-Flausch ist es nicht weit her.
Beim Crowdfunding ist man gezwungen in der kreativen Minderheit eine Mehrheit finden, die sich für das jeweilige Projekt engagiert. Dafür benötigt man eine umfangreiche Vernetzung. Wer nicht sowieso schon im Internet über zahlreiche Kanäle vernetzt ist, wird es schwer haben, die nötige Masse zu mobilisieren. Wer nicht über genügend technisches, dramaturgisches und ästhetisches Knowhow verfügt, wird mit großer Sicherheit beim Versuch engagierte Massen zu bewegen ebenso Schiffbruch erleiden. Es profitieren beim Crowdfunding daher vor allem diejenigen, die diese Projekte coachen und/oder sie technisch umsetzen.
Zu fragen ist ferner, wie viele Projektangebote im Bereich Musik die Crowdfunding-Community verträgt? Je mehr Projekte es gibt, desto mehr stehen sie auch untereinander in Konkurrenz. Gibt man sein Geld dem einen oder dem anderen Projekt oder beiden gleich viel/wenig. Mäzen sein wird zu einer schwierigen Angelegenheit. Dieser Verdrängungswettbewerb tut Kultur nicht gut.
Netze neigen nicht nur zur Verbindung von Dingen sondern auch zu deren Nivellierung. Dass Crowdfunding in der Musik zu einer neuen Vielfalt führen würde, lässt sich nirgends beobachten – experimentelle musikalischen Ideen sollte man hier eher nicht suchen. Als Kreativer steht man eher vor dem Problem, erfolgreiche Techniken zu kopieren und andererseits sich doch von anderen musikalischen Projekten genügend unterscheiden zu müssen, damit man über die Wahrnehmungsschwelle hinauskommt. Für die Projektanbieter ist es daher zunehmend wichtig, die „richtigeren“, nicht die „besseren“ Angebote anzubieten. Und: Wen kann man mit Crowdfunding überhaupt erreichen? Die Immergleichen nämlich, die das Immergleiche oder Immerähnliche wollen.
Für die großen Akteure der Musikindustrie ist Crowdfunding vor allem eines: bequem. Man kann seine eigenen finanziellen Risiken auslagern und darf sich beim Scheitern des Crowdfundings auf die Macht der nicht vorhandenen Masse stützen, um sich Künstler beschwerdefrei vom Halse zu schaffen. Wenn jetzt Crowdfunding-Plattformen selbst „Music-Labels“ gründen, zeigt das weniger deren ästhetisch-soziales Engagement, sondern allein, dass man ins Geschäft kommen will.
Kurz: Crowdfunding hilft den kleinen musikalischen Kulturprojekten meistens nicht viel, für den industriellen Markt ist es ein bequemes Selektionsinstrument. Für fast alles, was sich dazwischen ereignet, ist es bestenfalls ein graues Instrument der Nachbarschaftshilfe. Den gleichen Effekt zeitigt im Rundfunk- und Medienbereich übrigens das logische Äquivalent: die Quote.
Erschienen in „Melodie & Rhythmus“ – Juli/August 2016, S. 96
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